LUKAS HOLLIGER
Explodierende Pottwale
Koproduktion mit TheaterBaustelleStuttgartEin Ehepaar zieht sich ins Haus der Urgroßeltern am Stadtrand zurück, um sich zu erholen. Doch der Besuch des ehrgeizigen Cousins und seiner Frau stellt die Ruhe sofort in Frage. Nicht nur die Vergangenheit des alten Familienbesitzes, auch die Verkündigungen des Cousins über die neue Weltmacht China, stürzen den Ehemann zunehmend in eine paranoide Wahrnehmung. Bloße Verdächtigungen und reale Bedrohungen lassen sich nicht mehr voneinander unterscheiden. Immer weniger gelingt es, Neid, Minderwertigkeitsgefühle, die Unfruchtbarkeit der Gattin und weltpolitische Entwicklungen getrennt zu denken.
Die wahre Begebenheit, eines in Taipeh auf offener Straße explodierten Pottwals, der zur Autopsie gefahren werden sollte, dient dem Stück als Leitmotiv für die Sprengkraft, die in gestrandeten Lebewesen schlummert.
Regie: Alex Novak
Regiemitarbeit: Kolja Buhlmann
Ausstattung: Karin von Kries
Produktionsleitung: Christine Gnann
Mit: Fabienne Elaine Hollwege, Philipp Künstler, Luìs Madsen, Elif Veyisoglu
Die Frage, wer ist wer, ist […] zugleich Thema des Stücks. Ein Ehepaar, Marcel und Janine, hat sich ins Haus der Urgroßeltern am Stadtrand zurückgezogen. Marcel möchte das Haus renovieren, das, der Erinnerungstheorie von Aleida Assmann folgend, ein Gedächtnisort ist, der seine Familiengeschichte und Identität enthält. Doch dann taucht Cousin Tom samt Frau auf. Das kinderreiche Paar führt Marcel seine Unzulänglichkeiten vor und stürzt ihn in eine handfeste Paranoia, deren Zeuge der Zuschauer im zweiten Teil des Abends wird. Janines Unfruchtbarkeit, die Karrierepläne, die Weltmacht Chinas – alles wird zur Bedrohung. In allen Figuren finden Gärungsprozesse statt – wie beim gestrandeten Wal, der vor sechs Jahren in Taiwan explodierte, nachdem sich in seinem Inneren Faulgase gebildet hatten. […] Bei der Premiere […] macht es großen Spaß, dem abgedrehten Spiel von Luis Madsen (Tom), Elif Veysoglu (Janine), Fabienne Elaine Hollwege (Nicole) und Philipp Künstler (Marcel) zuzusehen. Es wird viel herumgeschmiert –mit Kunstblut, Erde und Wasser. Alle, die am Schluss nicht mehr ganz durchblicken, brauchen sich nicht wirklich Sorgen zu machen. Solange sie noch wissen, wer sie selbst sind, haben sie den Test schon bestanden. (Stuttgarter Nachrichten)Ein Schauspieler gießt sich auf der Bühne Blut über den Kopf, tobt, schreit, besudelt seine Mitspieler. Er wälzt sich schließlich in Wasser und Gartenerde am Boden und stellt sich auch noch tot. [...] Die zugefügten Verletzungen im Stück sind allerdings nicht körperlicher, sondern seelischer Art. Das Blut künstlich. ’Es ist schon heftig, aber wir wollten drastisch zeigen, wie ein Mensch in höchster Paranoia sich fühlt’, erklärt Dramaturg André Becker. […] ’Gezeigt wird die Sprengkraft, die in gestrandeten Lebewesen schlummert.’ (Bildzeitung)
Fotos: © Susanna und Lutz Schelhorn
Veranstaltungsort: Bühne
Premiere:
Dienstag, 01. Dezember, 2009 um 20:00

